Jazz-Abend

Karten: 18.- unter
kultur@kulturvereingrein.at

7.11.20 um 20.00

Stadtkino Grein

Jazz-Abend mit

HANG EM HIGH www.hangemhigh.pl

Lucien Dubuis (bass- &contrabass clarinette)

Bond (2 string slide bass + electronics)

Alfred Vogel (drums)

Album: Tres Testosterones (the band formerly known as HANG EM HIGH)

VÖ: Mai 2017 by Gig-Ant and Boomslang Records, www.traps.at

Vertrieb: Galileo + digital

„Call it low western rock ambient jazz punk with live electronics - whatever … HANG EM HIGH that´s what we call it“

Selbstbewusst scheint das Statement der drei Musiker aus der Schweiz, Polen und Österreich nun schon seit 4 Jahren allemal, und spätestens mit ihrem dritten Werk ist klar, dass es diesen Herren garantiert nicht an Testosteron fehlt. Doch Vorsicht, sollte man von diesem vorangekündigten Hormonüberschuss auf drei Macho-Musiker schliessen!

Wenn man die Band auf einem ihrer Konzerte in Wroclaw (wo sie das Licht der Welt erblickte), New York, Budapest, Saalfelden oder etwa letztes Jahr in Lissabon live erlebt hat, dann wird einem rasch klar, dass es sich hier um drei Ausnahmemusiker handelt, die keine Kompromisse eingehen und die von sich selbst behaupten, man könne sich ihrem Charme kaum entziehen. Das alles ist natürlich mit einem heftigen Augenzwinkern zu verstehen.

 


Doch fangen wir von vorne an: Bond ist ein Tieftöner, der mit seinen Low-End Modulationen und den von ihm veranstalteten Eklekktik Sessions in Wroclaw seit ein paar Jahren für nachhaltiges Beeindrucken sorgt, sei es, was seine Gäste anbelangt wie z.b. Nils Petter Molvaer, Jan Bang, Eivind Aarset oder etwa Roli Mosimann. Andererseits sind seine Projekte und Ideen immer von monumentalem Inhalt angereichert. Er bespielt nicht nur die grössten Hallen in seiner Heimat, nein, es kommt auch vor, dass er locker mal 120 Künstler delegiert (ein Symphonie-Orchester, eine Video Crew und seine Band HANG EM HIGH - so geschehen 2015 beim Opening des NFMC in Wroclaw, einer Philharmonie, die jedenfalls noch vor jener in Hamburg fertiggestellt wurde und nicht minder glänzt).

 

Und so kam es bereits vor 4 Jahren zu einem ersten Aufeinandertreffen mit seinen zwei Kollegen aus den Alpenländern, aber eben in Polen. „A Tribute to Morphine“ war damals das Thema dieser Eklekktik Session - Morphine, nicht das Rauschmittel, sondern die legendäre Bostoner Band aus den 90ern war gemeint, als sich Rock und Pop mit vielen Stilen zu paaren begann - Crossover nannte man das damals noch. Mark Sandmann, Sänger und Bassist dieser Band, verstorben auf der Bühne während eines Live-Auftritts, hat den 2saitigen Slide Bass in die Wohnzimmer einer hippen Gefolgschaft von den USA bis nach Europa gebracht, und eben auch nach Polen.

 

In jener Nacht (die auch auf YouTube schön dokumentiert ist) fanden auch die drei Testosterones, um die es hier geht, glücklicherweise zusammen. Sie behaupten von sich, dass sie zu den wenigen Bands gehören, bei der keiner der mitwirkenden Individuen ausgetauscht werden kann. Und dass man sie eben nur im Verbund voll und ganz auf ihrem kreativen Höhenflug erfassen kann.

 

In der Tat scheint diese Band ein gemeinsames Steckenpferd zu sein, in der sie sich zu persönlichen Höchstleistungen stimulieren. Lucien Dubuis, heisst es, sei eine genetische Vermischung der Chromosomen eines John Coltrane und der Beastie Boys. Wer ihn hier hört, hat keine Zweifel daran. Zwar wurde er einer spitzfindigen Hörerschaft schon vor ein paar Jahren durch seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Marc Ribot bekannt, doch bei HANG EM HIGH schöpft der Freigeist und Querdenker vom Boden seiner Zauberkiste und trällert und trötet wie ein von bewusstseinserweiternden Substanzen gedopter Frosch.

 

Und Alfred Vogel, Produktivkraft der österreichischen Szene, hat diese Band ja schon einmal auf seinem viel beachteten Werk „Vogelperspektive“ kurz vorgestellt. Dass seine Stärke wohl in der Kombination aus Finesse, Freiheit und der Power eines Rockdrummers liegt, haben mittlerweile nicht nur so klingende Namen wie Peter Evans, Barry Guy oder etwa Mats Gustafsson festgestellt. Dieser Mann hält viele Fäden zusammen, von dem  Bezau Beatz Festival bis zu seinem Label Boomslang Records. Und mit seinem Gespür für Abstraktes aber auch den zementierten Beat fuhrwerkt er bei HANG EM HIGH in ganz besonderer Manier. „Diese Band bringt für mich alles zum Ausdruck, was ich an Musik so liebe: von Led Zeppelin über Ornette Coleman bis zu Schostakowitsch … und würde uns David Lynch live hören - wir wären sein nächster Soundtrack“, so ein über den Dingen schwebender Vogel.

 

In der Tat scheint die Musik von HANG EM HIGH gleichermassen psychedelisch wie poetisch zu sein. Kaum haut die Band so richtig auf die Zwölf, lässt sie den Zuhörer in einem Netz mit weiten Maschen sanft in der Luft hin und her schaukeln. Es ist eine musikalische Achterbahnfahrt, die sich wohl wirklich nur mit bilderhaften Bocksprüngen sprachlich erschliessen lässt - zum Beispiel so:

 

 

 

Dran aufgehängt und abgedreht.

 

 

 

Grad eben spazieren meine Gedanken durch diesen abgestaubten Dachboden, durch einen bizarren Fundus aus Antiquitäten und Devotionalien. Man schaut sie sich an und erkennt die Herkunft nicht, man dreht die Dinge herum und bemerkt, wie sich eine Spannung aufbaut, weil es fast unheimlich ist, wenn sich fremdartige Dinge so vertraut anfühlen. Dann stolpere ich plötzlich aus der Mansarde und steh in einem surrealen Wunderland, in dem die Pferde rückwärts reiten und Bohnensuppe aus dem Wasserhahn kommt. Ich werde also durch Unländereien gejagt und verliere mein halbes Bewusstsein, während mir zwar der Sinn, nicht aber die Sinnlichkeit abhanden kommt.

 

Es spült mich weiter und mir wird von chinesischen Jungfrauen eine unscheinbare Überdosis Koffein injiziert, während sich meine Gliedmaßen aus einem eiskalten Entzug zittern. Eine schweißgetränkte Nacht steht mir bevor. Überall brennen Kerzen und tauchen meine spazierenden Gedanken in ein tieforangenes Licht. Ich fühl mich erinnert an einen Wiederholungstraum der mir seit meiner Kindheit im Nacken sitzt: Ein Ford Mustang mit durchtrennten Bremskabeln, ein Abgrund, der in ein wolkenverhangenes Nichts stürzt. Und so renne ich weiter, verfolgt und doch aufgehoben, gnadenlos untergetaucht in ein Meer aus Wüstensand.

 

 

 

Lasst mich das erklären:

 

Hang Em High sind sowas wie ein abgefahrener Instrumentalhaufen. Ich kann mir vorstellen, dass Ennio Morricone auf LSD war, bevor er mit der gnadenlosen Betty Davis in der Kopfstandstellung diese drei Jungs gezeugt hat. Ihre Musik ist unkonform. Man hört die Poesie von emotionalem Jazz genauso, wie das brachial Psychotische, das im Crossover der Neunziger daheim war. Es sind offensive Improvisationen, die Bond (PL), Lucien Dubuis (CH) und Alfred Vogel (AT) als muskulöses Potpourri aus Schlagwerk, Bass und Kontrabassklarinette in die Welt entlassen. Ihre Klänge sind massiv und eigensinnig, kochend heiß wie ein japanischer Drogenkeller und beinah so unterkühlt wie Dirty Harry, wenn er mit seiner Smith and Wesson spielen darf.

 

 

 

„Was ist mit meinen Gedanken passiert?“ denk ich mir und höre die Musik, die unbemerkt in meine Ohren viel. Sie hat mich entführt in ein Kaninchenloch, wo ich fünfzehn Männer sah, die ihre Schießeisen geputzt haben. Überall werd ich unter die Zeitlupe genommen. Obwohl ich mich verstecke, werd ich bemerkt, werd ich von diesen Klängen zurück geholt, unter die Oberfläche, wo mein Blick schweifen lernt. „Hängt sie höher!“ schallt es durch meinen Kopf. „Hängt sie höher, damit sie jeder hören kann und muss.“ Es gibt kein entrinnen. Zum Glück gibt es kein entrinnen.

 

Nun. Das alles klingt nach keinem falschen Film. Vielmehr nach Bewusstsein, das plötzlich richtig abgedreht wird. Ja. Ein richtig abgedrehter Film.

 

Aber im Ernst: Das alles ist wirklich passiert. Mir zumindest!

 

 

 

(Aufzeichnungen eines aufmerksamen Hörers, der sich gerade an „Hang Em High“ aufknüpft.)